Handel über Frequenzen, Kontaktpunkte, Verweildauer und Kundenbindung stärken
Fokus Immobilien zum Handelsstandort
„Wir leben in einer Welt von Überfluss und Überangebot. Je klarer sich Händler und Handelsimmobilien positionieren, desto angenehmer wird es für Konsumenten sein“, erklärte die Expertin von der RegioPlan Consulting GmbH, die neben dem Wiener Sitz auch eine Dependance am Picassoplatz in Münster unterhält. Grundsätzlich erfülle Münster die Voraussetzungen für einen „Top-Handelsstandort“. Wichtig sei es, angesichts der unterschiedlichen Zielgruppen, zum Beispiel Einwohner, Arbeitsbevölkerung, Touristen und Studierende, die Vielfalt zu fördern. Daher gehe es auch in Münster ganz stark um die Positionierung von Lagen. „Es ist zu definieren: Wofür stehen diese Lagen und Straßenzüge. Ich spreche nicht nur von hochwertig, teuer und schön. Es darf auch konsumig, individuell, jung sein“, zeigte die Wahl-Münsteranerin eine große Chance für die Weiterentwicklung auf. Die Westfalenmetropole habe das Einzugsgebiet und die gewisse Mindestgröße, um diese Vielfalt auch darstellen zu können.
Stadtdirektor Hartwig Schultheiß stimmte zu. Es müsse weiterhin an Kundenbindung, Alleinstellungsmerkmalen, Erlebnisqualität und Identität gearbeitet werden. „Wenn wir beobachten, wie sich die Menschen durch die Stadt bewegen, dann spielt die Symbiose von Handelsimmobilien und öffentlichem Raum eine große Rolle.“ Wichtig bei der strategischen Ausrichtung der Innenstadt sei es, dass man nicht nur den öffentlichen Raum strukturiert, sondern auch die dazwischen stehenden Projekte dazu passen. Schultheiß plädierte für eine Verdichtung der Handelslagen im Zentrum. „Man kann die Handelsstandorte in Münster wachsen lassen, ohne dass die Innenstadt real wächst.“
Nina Eibl-Hartung skizzierte Umwälzungen im stationären Handel durch die zunehmende Online-Konkurrenz. Generell sei zu beobachten, dass Filialisten vom Markt gehen, die teilweise sehr teure Lagen besetzt haben. Das eröffne die Chance für gastronomische Konzepte, die aufgrund der Nachfrage auch in Münster zunehmen würden.
Die Messung von Erfolg müsse künftig anders erfolgen: „Die Erfolgsmessung kann und darf zukünftig nicht nur über Umsatz stattfinden. Da wird die stationäre Fläche immer verlieren. Es geht um Frequenzen. Kontaktpunkte. Verweildauer. Kundenbindung. Und das kann natürlich wunderbar im stationären Handel erfolgen.“ Da der Handel wachsen will, sind neue Formate und Funktionen gefragt. „Strukturen gehen immer mehr in Erlebnisstrukturen über, die der stationäre Handel aufnehmen muss“, ist auch Maas überzeugt.
Nina Eibl-Hartung denkt, dass es in Münster zu einer Konzentration in Innenstadtlagen kommen kann. „Es wird in einigen Straßen zu einer Degradierung kommen, wenn man nicht an diesen Themen arbeitet.“ Die Chance liegt in der Individualisierung der weniger hochpreisigen Lagen: „Ich denke, sie wird dort zum Tragen kommen, wo es leistbare Mietpreise gibt. Es wird sich auch im politischen Diskurs die Frage stellen, wie man stützen und unterstützen kann, um die Vielfalt zu fördern.“
„Wir brauchen Standorte, die nicht nur Prinzipalmarkt sind. Um eine interessante Qualität und Mischung im Handelsbereich zu erreichen, brauchen wir auch Standorte in 2A- und B-Lagen in der Innenstadt. Zum Beispiel kleine Innenhöfe, die man – mit Hilfe der Immobilieneigentümer – einfach nur wachküssen muss“, sagte Schultheiß.
„Bitte arbeiten Sie daran, dass es den Handelsimmobilien gut geht“, richtete sich die Referentin an die Adresse der Eigentümer und Vermieter von Handelsimmobilien. Ein wichtiger Punkt dabei sei die Einschätzung des Marktrisikos. „Denken Sie an Zusatznutzen für Ihre Handelsimmobilien, an den gesamten Angebotsmix, nicht an die Vermietung von Einzelflächen.“ Die Herausforderung bei den Handelsimmobilien ist, dass die unterschiedlichen Stake- und Shareholder zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Interessen haben. „Der Eigentümer hat einen gewissen Anlagehorizont, der Händler möchte einen kurzen, flexiblen Mietvertrag, der Makler möchte Abschlüsse, der Betreiber den gesicherten Cash-Flow, der Konsument will umschmeichelt werden und der Architekt muss sich dem Budget fügen.“ Diese Dinge gilt es zum Wohle des Handelsstandorts in Einklang zu bringen.